Radikal ehrlich

Der zweite Tag des vierten Ausbildungswochenendes war der Yoga Philosophie gewidmet. Jahrtausende altes, geschautes Wissen in 8 Stunden? Unmöglich. Doch es geht an diesem Tag auch nicht darum, die Yoga Philosophie in all ihrer Tiefe zu durchleuchten, es geht vielmehr um die Vermittlung eines Gespürs dafür, welche Idee dem komplexen System des Yoga zugrunde liegt.

Wir wollen ein Gefühl dafür entwickeln, worum es im Yoga eigentlich geht. 

Eins wird uns schnell klar: wer glaubt, beim Yoga ginge es um die exakte Ausführung bestimmter Körperbewegungen, hat nur sehr wenig vom Yoga begriffen. Die körperlichen Übungen sind lediglich Wegbereiter und Wegbegleiter auf den viel tieferliegenden und unergründlichen Wegen der Seele des Menschen. Beim Yoga geht es um den Geist, nicht um den Körper.

 

Die Anfänge des Yoga basieren auf dem sogenannten ‚geschauten Wissen‘ der Rishis, der Weisen, die sich in ihr Innerstes versenkten und das Offenbarte mündlich an ausgewählte Personen weitergaben. Was sie sahen bzw. was sich ihnen offenbarte, gleicht der biblischen Schöpfungsgeschichte. Sie erzählen vom Anfang aller Existenz, von einem Zustand, in dem es noch keine Dualität gibt. Was die Rishis schauten, war das individuelle Selbst (Atman), der Kern des wahren Seins. Sie wussten um die Existenz des Absoluten, des Einen, Brahman, und um die menschliche Sehnsucht nach der absoluten Einheit von Atman und Brahman. Die Dualität kommt erst mit dem Menschen, der sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen seiner Urseele und seinem Bewusstsein, seinem grob- und feinstofflichem Körper und seinem Willen befindet. Tief im Inneren hat jeder Mensch den Wunsch, zu seiner unberührten Urseele zurückzukehren, wo Freude und Liebe sind, kann die Dualität aber nicht überwinden. Denn die Grundelemente der Welt stehen ihm im Wege. Der Weg der Befreiung kann nur in der inneren Versenkung liegen, in der Ego und Bewusstsein überwunden werden. Denn nur wer nach innen schaut, sieht das Wirkliche. Der spürt, das die Welt nur scheinbar existiert, da die Wahrnehmung im Kopf stattfindet und von Mensch zu Mensch differenziert. Darum geht es in den ‚Upanishaden’, dem letzten Teil der Veden, in denen das geschaute Wissen schriftlich erfasst wurde. Genau datieren lassen sich diese Anfänge des Yoga nicht, nach westlicher Orientalistik sind die Veden 1500-500 v. Chr. entstanden, die Upanishaden werden auf 700-500 v. Chr. datiert. Neben religiösen und spirituellen Abhandlungen über die Seele, Gott und die Entstehung des Universums enthalten die Veden auch religiöse Hymnen, Opferformeln und Ritualanweisungen. Auch das wichtigste Mantra im Yoga, das OM, wurde in den Veden niedergeschrieben. Durch das Singen eines Mantras verbindet sich der Geist mittels der Klangschwingung mit dem Göttlichen.

Auch Patanjali, der das von den Weisen übermittelte Wissen 200-400 v. Chr. in den 195 Sutren zusammenfasste, befasst sich in erster Linie mit dem Geist des Menschen. Er definiert Yoga als ein Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes. Der Körper wird in den Sutren kaum erwähnt, der Begriff Asana (‚gesunder Sitz‘) fällt lediglich im Zusammenhang mit dem Finden eines bequemen Meditationssitzes. Die Asanas sollen uns helfen, möglichst lange bequem sitzen zu können, um uns der inneren Versenkung zu widmen. Patanjali gibt uns in den Sutren 4 heilende Yogawege vor: den des selbstlosen Handelns (Karma Yoga), des Wissens und der Erkenntnis (Jnana Yoga), der selbstlosen Liebe (Bhakti Yoga) sowie den königlichen Weg, der zur Freiheit allen Leids führt (Raja Yoga). Diese königliche Verbindung mit dem Universal-Geist kann in 8 Stufen beschritten werden, dem 8-gliedrigen Pfad. Wer sich diesem in all seiner Tiefe widmet, erkennt die Radikalität, die dem Yoga zugrunde liegt. Der 8-gliedrige Pfad berührt alle Lebensbereiche des Yogi. Er gibt vor, wie wir mit unserer Außen- und Innenwelt umgehen müssen, um die Empfindung des Einswerdens mit dem Universellen zu erreichen. Wer sich dem Weg des Yoga widmet, muss seine innere Einstellung und sein Verhalten komplett neu hinterfragen. Was tue ich dafür, um im Einklang mit der Welt und mir selbst zu leben? Bin ich mir selbst gegenüber und gegenüber anderen ehrlich? Bin ich bescheiden? mit mir selbst zufrieden? Welche Rolle gebe ich meinem Ego in meinem Leben? All dies sind Fragen, die bei jedem von uns im Laufe des Yogaweges auftreten werden und beantwortet werden wollen. Die Antworten können nur in jedem von uns selbst liegen. Das ist es, was Yoga so individuell und einzigartig macht, und uns doch letztendlich zusammenführt.