Hey Du Da(rm) - Brief an ein verkanntes Genie

Katharina hat es schon geschrieben, das letzte Ausbildungswochenende hatte es in sich: Naturwissenschaft in Reinkultur. Als Ulrike uns am Sonntagmorgen um 7 Uhr fragte, ob wir zum vorigen Ausbildungstag und den behandelten Inhalten noch Fragen hätten, blickte ich etwas beschämt auf meine vor mir liegenden Unterlagen und gestand: „Ich weiß nichts mehr...“ Auch in mir stieg das beklemmende Gefühl auf, diesen Stoff niemals verlässlich in meinem Hirn verankern zu können. Doch Ulrike nickte nur und sagte, das sei normal und ich könne ganz beruhigt sein. Auch wenn ich gerade nicht unmittelbar darauf zugreifen kann - mein Gehirn habe dennoch alles Wichtige aufgenommen und alles sei noch da. Mit dieser starken These im Rücken wird es mir nun also ein Leichtes sein, euch ein System vorzustellen, das es in sich hat - und zwar nicht weniger als 100 Billionen Mikroorganismen.

Sehr geehrter Herr Verdauungstrakt, (nee, vielleicht doch zu förmlich)

Liebes Verdauungssystem, (zu persönlich?)

Moin Moin alter Querulant, (wollen wir den Teufel mal lieber nicht an die Wand malen...)

 

Hey du,

seit 32 Jahren sind wir nun schon Weggefährten. Dafür aber, dass wir schon mehr als drei Jahrzehnte gemeinsam durchs Leben gehen, warst du mir bis vor kurzem noch immer erstaunlich suspekt. Du warst in meinen Augen halt nicht so der harmoniebedürftige Typ. Eher im Gegenteil. Du bist ziemlich häufig auf krawall gebürstet. Entweder machst du dich so breit, dass meine Hosen nicht mehr zugehen und beschämst mich darüber hinaus mit gasförmigen Entweichungen in aller Öffentlichkeit. Oder du bist irgendwie mimosenartig drauf und krampfst rum, nur weil ich morgens gern mal nen Kaffee trinke. Es ist ja auch schon so manches Mal richtig eskaliert zwischen uns. Da hast du einfach alles, was ich dir zuvor an Leckerein dargeboten habe, wieder rauskatapultiert und mir dadurch so manch harte Stunde beschehrt. Summa summarum: Zwischen uns beiden stand es nicht sonderlich gut die letzten Jahre.

Aber weißt du, ich glaube, ich verstehe langsam immer mehr, was ursächlich hinter deinem Verhalten steckt. Du fällst auf durch deine regelmäßigen Allüren, aber deine Wunder vollbringst du in aller Stille. Du bist halt nicht der Typ, der mit seinem Können prahlt. Dein größter Clou aber ist, dass deine Allüren eigentlich so etwas wie der Rat eines guten Freundes sind, der einem klar machen möchte, dass man etwas an seinen Gewohnheiten ändern sollte. Du verdaust nämlich nicht nur unsere Nahrung, sondern auch unsere Emotionen. Sowohl ein Übermaß an schwer verdaulicher Nahrung als auch ein Übermaß an negativen Emotionen versetzen dich unter Stress und entsprechend gereizt reagierst du dann auch.

Während des letzten Ausbildungswochenendes haben wir uns deine wesentlichen körperlichen Funktionen genauer angesehen:

 

Verdauung und Energiegewinnung, Entgiftung und Immunabwehr

 

Das komplexe Procedere beginnt bereits mit der Speichelproduktion im Mund. Die ProfessorInnen Rohen und Lütjen-Decroll sprechen in ihrem Lehrbuch Funktionelle Anatomie des Menschen sogar vom "Kopfdarm" (dies., S. 98). Der Speichel macht den zerkauten Brei gleitfähig, Enzyme spalten bereits Kohlenhydrate auf und die Zunge befördert das Gemisch zum Rachen, von wo aus der Schluckreflex es in die Speiseröhre drückt. Die Speiseröhre verfügt über sogenannte peristaltische Muskeln, die die Speise mit wellenartigen Kontraktionen in den Magen befördern. Dort knetest du die Nahrung ordentlich durch. Deine Magenzellen produzieren Salzsäure, um giftige Erreger abzutöten. Du hast daher schon aus rein funktionellen Gründen eine ausgeprägt saure Konstitution. Dein PH-Wert liegt bei 1 - eine extrem schwer zu durchdringende firewall für potenzielle Krankheitserreger. An den Magen schließt sich der Dünndarm an. Weil der Brei im Magen so extrem angesäuert wurde, neutralisiert die Bauchspeicheldrüse das Ganze mithilfe von Hydrocarbonat, bevor es dann im Dünndarm weiter zerkleinert wird. Enzyme der Bauchspeicheldrüse und die Gallenflüssigkeit der Leber spalten hier die drei Nahrungsbestandteile auf: Fette, Kohlehydrate und Eiweiße. Du sicherst hier auch wichtige Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, die du hauptsächlich an die Leber und die Lymphe weiterleitest, damit nichts verloren geht.

In dir lebt eine unvorstellbar große Zahl von Mikroorganismen. Zusammen bilden sie die Darmflora. Sie bedeckt deine gesamte Darmschleimhaut und ihre Bakterien betreiben unermüdlich Stoffwechselprozesse. Die Mehrzahl deiner Darmflora-Bakterien lebt im Dickdarm, der sich an den Dünndarm anschließt. Hierhin werden alle Nahrungsbestandteile überführt, die bislang noch nicht verdaut werden konnten, zum Beispiel die Ballaststoffe (Zellwände von Gemüse und Getreide). Auch der Dickdarm fungiert neben der Verdauung als hochdifferenziertes Abwehrsystem. Die Bakterien der Darmflora verbrauchen Sauerstoff und Nährstoffe und entziehen dadurch schädlichen Bakterien die Lebensgrundlage. Darüber hinaus sind sie in der privilegierten Lage, fremde Bakterien gezielt auszuschalten, indem sie Säure oder bestimmte giftige Substanzen bilden, die die Eindringlinge vernichten.

 

Am Ende wird alles, was im Dickdarm nicht verfaulen und verwertet werden konnte (überwiegend abgestoßene Bakterien) zum Enddarm befördert und dann dauert es auch nicht mehr lange und wir verspühren das Bedürfnis, das stille Örtchen aufzusuchen. 

 

So, verehrter weiser Lehrer, zum Abschluss möchte ich dir noch sagen, dass mich deine Vielseitigkeit und dein intelligentes Handeln stark beeindrucken. Metaphorisch ausgedrückt bist du für mich zu einer Art weisem Seher geworden. Du bist mehr als ein Verbund von Organen, bist geballtes uraltes Wissen, bist Intuition. Jedenfalls für mich. Danke, dass jeder Mensch einen guten Freund wie dich in sich trägt. Ich bemühe mich, unser beider Interessen in Zukunft besser in Einklang zu bringen und deine Bedürfnisse mehr zu achten, wenn du mir zeigst, dass dir mein Lebensstil mal wieder zu belastend wird. Denn eigentlich wird es ja nicht nur dir, sondern in Wahrheit auch mir zu viel. Aber das hast du in deiner göttlichen Weisheit natürlich schon lange erkannt.

Hari Om