Eine Geschichte von der Schönheit der Stille, einer verstoßenen Göttin und einem vegetarischen Mops

Während der letzten Wochen des alten Jahres fragte mich meine gute Freundin und ebenfalls Yogalehrer-Lehrling Birte, ob ich nicht Lust hätte, eine Yogareise mit ihr zu machen. „Klar, gerne, sofort“, ich brauchte gar nicht lange überlegen. Worüber ich jedoch nachdenken musste, war die Frage nach dem Wo und dem Was genau. Yogareisen gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer. Viele glamouröse Retreats an den schönsten Orten der Welt, aber auch einfach Wohlfühl-Workshops an der Nordsee. Dennoch: günstig ist ist das alles nicht und irgendwie auch nicht das, was ich zu dem Zeitpunkt gerade brauchte und wollte. Und so kam es, dass wir uns im Sinne unserer Ausbildung in das Land des Yoga aufmachten, um in einem Ashram in der Nähe von Rishikesh den Wurzeln des Yoga noch ein bisschen näher zu kommen.

Es ist Montagmorgen 10 Uhr. Das letzte Wochenende war unser zweites Ausbildungswochenende und in unseren Köpfen schwirrten noch Gedanken über die Themen der vergangenen Tage. Erschöpft, voller Fragen und mit noch mehr Neugierde saßen wir am Hamburger Flughafen und warteten auf den Abflug. Ich muss gestehen, mir war doch recht mulmig zumute. Vielleicht wäre der Wohlfühl-Workshop an der Nordsee doch genau das gewesen, was ich jetzt bräuchte? Musste es wirklich Indien sein? Zwei Flüge und drei Spielfilme später war es dann aber soweit, wir waren in Delhi und somit wirklich in Indien und nicht an der Nordsee. Am nächsten Tag reisten wir noch 250km weiter gen Norden und dann waren wir da, am Rande des Himalaya, an den Ufern der heiligen Mutter Ganga (zu deutsch Ganges) und vor den Toren des Ashrams, den wir uns als Ort des Lernens und Lebens in Indien auserkoren hatten. Es begrüßte uns Lalitaji, die Hausherrin und Yogalehrerin des Ashrams. Seit 20 Jahren lebt sie im Ashram, um Yoga zu studieren, zu praktizieren und zu unterrichten. In ihrem kleinen Büro im Innenhof des Ashrams begrüßt uns gleich noch ein Ashrambewohner- ein kleiner Mops, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Aber in Indien im Ashram einen Mops zu treffen, hat mich tatsächlich kurzzeitig aus dem Konzept gebracht, so skurril erschien mir diese Begegnung. Lalitaji lachte und sagte: „Look, he is vegetarian and SO healthy.“ Da war das Eis gebrochen. Da wir einen Tag vor Beginn des Programms angereist sind, hatten wir ein wenig Zeit, uns in unserem Zimmer einzurichten und den Ashram zu erkunden. Das war nach der langen Reise ein echter Segen, da im Programm der kommenden Tage kein Müßiggang mehr vorgesehen war. Um 5:30 Uhr klingelte die wake-up-bell. Ein Kursteilnehmer musste sich bereiterklären, diese täglich pünktlich zu läuten, um die tiefschlafenden Geister zu wecken. Um 6 Uhr war Meditationszeit. Wir haben uns im Yogaraum versammelt und unter Anleitung von Lalitaji verschiedene Meditationstechniken kennengelernt und ausprobiert. Nach der Meditation stand Chanting auf der Agenda, verschiedene Mantras, die wir im Verlauf der Woche kennengelernt haben. Beendet wurde die Meditation und das Chanten mit der Totenstellung Savasana. Um 6:45 Uhr sind wir alle in den Garten gestiefelt, um dort die morgendliche Nasenreinigung durchzuführen. Jeder von uns bekam ein kleines Plastikkännchen, den Neti-Pot, das mit Salzwasser gefüllt wurde. Die Nasendusche war Birte und mir ja glücklicherweise nicht mehr unbekannt, aufgrund des Sadhana, das wir seit Ausbildungsbeginn Zuhause praktizieren (mehr oder weniger, hehe).  So hockten sich die dreißig Leute, die wir in etwa waren, zwischen die Rosensträucher und Bananenstauden im Garten, um sich anständig die Nase zu reinigen. Das beinhaltete nach der Nasenspülung ein kräftiges, geräuschvolles Ausschnauben zuerst durch jedes einzelne Nasenloch und dann durch beide Nasenlöcher in Kombination mit  einer Art schwungvoller Knie- und Vorwärtsbeuge. Es war eine belustigende Geräuschkulisse, die da entstand, die jedoch ihren Zweck erfüllte. Nach der Reinigung fühlte ich mich wesentlich klarer und erfrischter. Die Matschbirne vom Morgen war beinahe verschwunden. Nach dem Reinigungsritual trafen wir uns im Yogaraum in der Position des Kindes wieder, um auch das letzte bisschen Salzwasser noch aus den Nebenhöhlen zu befördern. Im Anschluss folgte eine 30minütige Pranayama-Einheit. Im Wesentlichen haben wir hier Kapalabhati Pranayama und Wechselatmung geübt. Unmittelbar im Anschluss folgte eine 90minütige Hatha-Yoga-Einheit, ebenfalls unter Anleitung von Lalitaji. Das Besondere an ihren Yogaklassen war für mich die lange Aufwärmphase. Wir haben sicherlich stets 30 Minuten dafür aufgewendet, uns zu dehnen und die Muskulatur zur lockern. In Deutschland habe ich häufig die Erfahrung gemacht, dass der Sonnengruß Teil der Aufwärmphase ist. Hier, bei Lalitaji wurden wir sozusagen für den Sonnengruß aufgewärmt. Das mochte dem Einen oder Anderen von uns mit der Zeit recht dröge und zäh erscheinen. Mit Yoga, so wie wir es zu verstehen meinen, hatte dieses Stretching nicht viel zu tun. Keine spannenden Asanas, nur Stretching. Auch für mich war die lange Zeit des Aufwärmens mitunter etwas langweilig. Auf der anderen Seite hat sie mir geholfen, mich in Asanas einzurichten, die ich bisher gar nicht oder nur unter Schmerzen halten konnte, wie zum Beispiel die vollständige Kobra, das Kamel oder das ganze Rad. Rückbeugen sind mir wesentlich leichter gefallen aufgrund des ausgedehnten Aufwärmens. Lalitajis Art Yoga zu unterrichten war klar und pragmatisch. Der bei uns weit verbreitetete - ich nenne ihn mal "Yogasingsang" - den viele von uns sehr mögen, weil er unsere Seelen streichelt, war bei ihr nicht zu finden. Ihre Sprache war klar und pragmatisch. Auf emotional gefärbte sprachliche Additive - ich nenne es mal Seelenfutter - hat sie gänzlich verzichtet. Die positiven Auswirkungen der Asanas auf den Geist und die Seele hat sie stets veranschaulicht, aber eben einfach, klar und trocken heraus, ohne Umschweife. Sie brauchte nichts mit schönen Worten zu betonen. In ihrer Einfachheit und lag so viel Authentizität, dass ich ihre Hingabe, Wärme und Freundlichkeit spüren konnte, auch wenn Lalitaji sie nicht allzu großzügig nach außen getragen hat. Nach der Asana-Praxis, um 9 Uhr, gab es endlich Frühstück. Die drei täglichen Mahlzeiten haben wir auf der wunderschönen Dachterasse des Ashrams eingenommen, mit Blick auf die Berge und den Ganges. Wir wurden mit unglaublich frischer Kost versorgt, so dass die Mahlzeiten immer ein kleines Fest für mich waren. Die Schärfe lasse ich an dieser Stelle einmal unkommentiert ;). Nach dem Frühstück läutete um 10 Uhr erneut der Gong als Zeichen für das anstehende Karma-Yoga. Eine halbe Stunde selbstloses Handeln stand auf dem Plan. Anders ausgedrückt: putzen für die Allgemeinheit. Den Hof fegen, Bäder reinigen, Toiletteneimer ausleeren... Anschließend haben wir uns jeden Tag zu einem zweistündigen meditation-walk aufgemacht. Einer der im Ashram helfenden Karma Yogis hat uns zu verschiedenen Orten in der Umgebung geführt, wo wir verweilen und die Natur genießen konnten. Der gesamte Spaziergang erfolgte in Stille, wie auch der gesamte Vormittag und alle Mahlzeiten. Ich habe die Spaziergänge sehr genossen. Zum einen weil wir die Gelegenheit hatten, die wunderschöne Natur in der Umgebung zu erleben. Zum anderen war es für mich auch ein kraftvolles Gefühl, mit "meiner" gesamten Gruppe unterwegs zu sein, nicht zu sprechen, sich aber doch verbunden zu fühlen. Die Besinnung auf sich selbst und der achtsame Umgang mit dem, was gerade ist, haben mir sehr viel gegeben. Ob am Ufer des rauschenden Ganges oder zu den Füßen eines sanft herabrieselnden Wasserfalls, jeder Ort, zu dem wir spaziert sind war von beeindruckender Spiritualität. Jeder von uns hat seine/ihre ganz eigene Begegnung mit diesen Orten erlebt. Alle gemeinsam und doch jeder ganz für sich. Einige haben meditiert, andere haben geschrieben oder waren ganz einfach nur da, präsent in diesem Moment. Für mich waren dies mit die intensivsten Momente während der Zeit im Ashram. Mein wirklich tiefgreifendster Moment - und ich glaube, dass es sich für viele von uns auf eine gewisse Art magisch angefühlt hat - war ein rituelles Bad im Ganges, dem Fluss, der in Indien als heilig verehrt wird.

Dem Mythos nach war Ganga ein wunderschönes Mädchen, das vom Gott Brahma großgezogen wurde. Sie lebte mit ihm in swarga loka, der Welt der Götter. Eines Tages kam der Weise Rishi Durvasa zu Besuch und die wunderschöne aber vorlaute Ganga konnte nicht an sich halten und erregte Rishi Durvasas Zorn. Zur Strafe verbannte der Weise sie aus swarga loka. Fortan musste sie unter den Menschen in bhu loka, auf der Erde weilen. Und zwar als Fluss. Sie dürfe erst dann zurückkehren, wenn ihr Wasser verschmutzt sei. So lange ihr Wasser rein bliebe, müsse sie weiter auf der Erde verweilen. Rishi Durvasa sagte, die Menschen würden sie aufgrund ihrer Reinheit anbeten. Und so kam es, dass Ganga von den Menschen als heilige Mutter verehrt wurde. Bis heute.

Nach diesem kleinen Mythologie-Exkurs nun wieder zurück zur jüngsten Vergangenheit. Das Bad im Fluss war weniger ein Bad als mehr eine Zeremonie. Lalitaji führte uns zu einer Stelle, an der die Strömung nicht so stark war und wir nicht so sehr Gefahr liefen, gleich hinfortgeschwemmt zu werden. Dort haben wir uns ans Ufer gesetzt, mit Blick Richtung Fluss. Jeder bekam Blüten, die zuvor während der Karma-Yoga-Zeit gepflückt wurden. Diese Blüten legten wir zwischen unsere Handflächen und die Handflächen hoben wir vor unser Herz. Aber Obacht! Nicht an den Blüten zu riechen war oberstes Gebot. Diese sollten Mutter Ganga geopfert und daher vorher tunlichst nicht verunreinigt oder entweiht werden. Die Blüten zwischen den Händen haltend,  sangen wir etwa zehn Minuten ein Mantra für die heilige Ganga: Om Ganga Mai. Weiter singend gingen wir alle gemeinsam ins Wasser. Zunächst bis zu den Hüften, um die Blumen feierlich dem Fluss zu übergeben. Wem dann noch nicht kalt genug war, der ließ sich anschließend ins tiefere Wasser sinken und tauchte drei Mal unter. Morgens, vor der Zeremonie war mir sowas von klar, dass ich da nicht reingehen werde. Mir ist ja mitunter schon das Mittelmeer im Hochsommer zu kalt. Da kommt ein tosender Flussabschnitt am Rande des Himalaya-Gebirges auf überhaupt gar keinen Fall in Frage, möge er noch so heilig sein. Und dann, als wir dann dort standen, konnte ich gar nicht anders. Ich musste da rein. Alle haben gesungen und geklatscht. Da war ein förmlicher Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Wir standen noch eine ganze Weile im Wasser und haben gesungen. Gesungen und gelacht. Diesen Moment werde ich mir immer im Herzen bewahren. Nach der Zeremonie fing es an zu regnen und Lalitaji sagte lachend: „Now the gods are happy.“

Ich könnte nun noch lange weiter erzählen, von den nachmittäglichen lectures und discussions, der allabendlichen Pooja vor dem Shiva-Tempel des Ashrams, dem anschließenden Kirtan und den Meditationen vor dem Schlafengehen. Aber jetzt, wo ich gedanklich wieder am Höhepunkt meiner Reise angekommen bin, denke ich mir, dass diese Geschichte wohl kaum schöner enden könnte, als mit glücklichen Göttern.

Namasté