Die Meisterschaft über die Atmung

Pranayama ist das vierte Glied im Ashtanga Yoga nach den Yoga Sutren von Patanjali, und essentieller Bestandteil des yogischen Übungssystems. B.K.S. Iyengar bezeichnet Pranayama sogar als das ‚Herz des Yoga, denn Yoga ohne Pranayama lebt nicht.‘ Unser sechstes Ausbildungswochenende war daher überwiegend dem Thema Pranayama gewidmet. Wir stellten uns die Frage, was Pranayama ist und was es bewirkt.

Prana (Sanskrit Hauch, Atem, Leben, Lebenskraft) ist die göttliche Energie und die Lebensenergie aller Wesen. Der Atem ist die äußere Manifestation von Prana. Pranayama beginnt mit der Regulierung des Atems, um die Lebensströme, die inneren Lebenskräfte, zu kontrollieren. Wer regelmäßig Pranayama praktiziert, kann sein Prana lenken und anreichern und dadurch an Stärke und Vitalität gewinnen. 

Durch die bewusste Regulierung unserer Atemzüge können wir unseren bewegten Geist beruhigen, Stresssymptome abbauen und sogar Heilungsprozesse verstärken.

Pranayama-Techniken setzen sich aus langanhaltendem Einatmen (puraka), Ausatmen (rechaka) und aus dem Anhalten des Atems (kumbhaka) zusammen. Puraka bringt den Organismus in Gang und wirkt sich zum Beispiel aktivierend auf die Verdauungsorgane aus, Rechaka reinigt und führt verbrauchte Luft und Giftstoffe ab, und Kumbhaka verteilt die Energie im ganzen Körper. Kumbhaka, der Zustand der Atemleere, lässt auch unseren Geist zur Ruhe kommen und steigert unsere innere spirituelle Kraft. Bei der Pranayama-Technik ‚kumbhaka rechaka' wird der Atem nach der Ausatmung für längere Zeit angehalten, bei 'kumbhaka antara' hingegen nach der Einatmung. Im Zustand der Atemleere kann ein Mantra gesprochen oder gesungen werden, z.B. das einsilbige Bija-Mantra AUM. Die meisten Yogastunden beginnen also bereits mit diesem einfachen Pranayama.

Ein weiteres Basis-Pranayama, mit der Yogaschüler in die Kunst des Atmens eingeführt werden können, ist der lange tiefe Atem in den Bauch. Im Alltag atmen die meisten Menschen unbewusst flach in den Brustkorb. Die bewusste Bauchatmung muss also erst wieder geübt werden. Dabei legt der Schüler eine Hand auf seine Nabelregion, um die Wölbung bei der Einatmung sowie das Abflachen des Bauches bei der Ausatmung bewusst zu spüren. So werden mehrere tiefe Atemzüge durchgeführt, wobei Ein- und Ausatmung jeweils gleich lang sind. Wer diese Übung praktiziert, wird schnell ein höheres Energielevel bei sich feststellen sowie eine gesteigerte geistige Wachheit. Denn durch die bewusste Reduzierung der Atemhäufigkeit und Geschwindigkeit wird Prana gezielt in die Bauchnabel-Region gelenkt, dem Sitz des Manipura Chakras und Energie-Zentrum unseres Körpers. 

Ähnliche Effekte stellen sich bei der Wechselatmung, Nadi Shodhana, ein. Dabei werden beide Nasenlöcher zunehmend verengt, bis der Atem immer feiner fließt. Diese Atmung wird auch Gleichschaltungsatmung genannt, da sie dazu dient, die beiden Nadis Ida und Pingala gleichzuschalten. Nadis sind die feinstofflichen Energiebahnen in unserem Körper. Die Gleichschaltung und Reinigung der Nadis sind Voraussetzung für das Erwecken und Aufsteigen der Kundalini Energie. Letzenendes zielt jede Pranajama-Technik darauf ab, die Kundalini Energie zu wecken, um den Zustand der Glückseligkeit und des vollkommenen Einsswerdens mit der göttlichen, universellen Kraft zu errreichen (Samadhi).

Generell lassen sich Pranayama-Techniken nach ihrer Wirkungsweise unterscheiden: einige wirken reinigend und energetisierend, während andere eine meditative und entspannende Wirkung haben. Neben Nadi Shodhana gehören zu den gängigen Pranayama-Techniken mit energetisierender Wirkung Bhastrika, die Blasebalgatmung, Kabalabathi, die Schädelatmung, Surya Bhedana,  die Sonnenatmung und Viloma, die Atmung 'gegen die natürliche Ordnung'. Zu den meditativen Atemtechniken zählen unter anderem Bhramari, die Hummelatmung, Chandra Bhedana, die Mondatmung, oder Sitkari und Sitali, beides Kühlungsatmungen. 

Alle Pranayama-Techniken sollten zeitlich nach der Asana-Praxis geübt werden. Einige reinigende, energetisierende Techniken können auch vor der Asana-Praxis durchgeführt werden. 

Jedes Pranayama beginnt in ausgeatmetem Zustand, im ‚leeren‘ Ursprungszustand.