Alles muss raus!

„Ihr könnt nur das unterrichten, was ihr selbst erfahren habt", pflegt unser Ausbilder Thomas stets mit gnadenlosem Blick zu betonen. Deswegen gibt er uns auch immer wieder Aufgaben mit auf den Weg zwischen den Ausbildungswochenenden, über die ich sonst wohl nur erstaunt gelesen, sie aber nicht selbst ausprobiert hätte. Wäre da nicht dieser gnadenlose Blick und das Wissen, dass der Mann einfach recht hat. Reine Theorie ist viel zu abstrakt, als dass sie mir den Erfahrungswert des Gelebten je ersetzen könnte. Dies also, gemischt mit Ehrgeiz und Neugier, ließ mich standhaft folgende Aufgabe bewältigen.

Neben Pranayama-Techniken haben wir uns während des letzten Ausbildungswochenendes auch mit sogenannten Hatha Yoga Kriyas beschäftigt. Dabei handelt es sich um verschiedene Reinigungstechniken, mit deren Hilfe die Entgiftungsprozesse des physischen Körpers unterstützt werden. In Verbindung mit regelmäßiger Yogapraxis kann sich die Wirkung der Asanas stärker entfalten und das Prana effektiver durch den Körper fließen. Unter diesen Bedingungen kann auch physisches und phsychisches Leid positiv verändert werden.

Zur Vorbereitung auf das Ausbildungswochenende hatten wir die Aufgabe eine Kriya durchzuführen, die den gesamten Verdauungskanal reinigt - Shank Prakshalana. Als ich gelesen habe, was sich dahinter verbirgt, sind zunächst einmal alle nur vorhandenen Abwehrmechanismen in mir angesprungen und mein erster Gedanke war: Das kann ich nicht, das schaffe ich nicht, das will ich nicht!" Abwehr eben. Shank Prakshalana ist eine innere Reiniung mit Salzwasser. Zwei Esslöffel Salz werden in einem Liter lauwarmen Wasser aufgelöst. Dieser Liter wird in drei Teile portioniert. Zunächst wird das erste Drittel getrunken. Im Anschluss daran wird eine vorgeschriebene Abfolge von Asanas durchgeführt, die anregend auf den Verdauungstrakt wirken. Direkt im Anschluss an die Asanas wird das zweite Drittel getrunken und auch hier schließen sich wieder nahtlos die festgelegten Körperhaltungen an. Danach geht es in die dritte und letzte Runde. Im Anschluss an das dritte Asana-Set folgt Savasana, die Totenstellung. Um die reinigende Wirkung zu unterstützen, ist eine Diät während der Woche vor der Durchführung der Kriya empfehlenswert. Im Idealfall auch noch während der darauffolgenden Woche.

Wenn du diese Kriya praktiziert hast, solltest du anschließend nicht mehr aus dem Haus müssen oder Gäste empfangen. Im Idealfall verbringst du während der folgenden Stunden regelmäßig Zeit auf der Toilette. Das jedenfalls habe ich erwartet. Bei mir passierte jedoch - nichts...überhaupt nichts...rein gar nichts. Nach der Praxis fühlte ich mich flau und bin direkt ins Bett gegangen, mit dem Gedanken, ich würde ja aufwachen, wenn es "losgeht". Aufgewacht bin ich dann, als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte. Das war tatsächlich ein sehr merkwürdiges Gefühl. Ich fühlte mich voll und immernoch blieb die erhoffte Erleichterung aus. Das hat mich tatsächlich sehr verunsichert. Viele Fragen kamen auf. Was ist denn mit all dem Salzwasser in mir passiert? Das muss doch wieder raus?! Ist das jetzt schlecht für meinen Körper? Warum passiert nichts? Ich war ernüchtert. Tagelang stand mir diese Herausforderung bevor und als ich sie dann gemeistert hatte, passierte einfach nichts. Unser Ausbilder schrieb noch, dass wir tagsdarauf die Erfahrung machen würden, Yoga mit einem Gefühl von Leere und Leichtigkeit zu praktizieren. Ich fühlte mich leider ganz und gar nicht leer, als ich an diesem Morgen zur Ausbildung ging. Merkwürdigerweise hat mir das ziemlich zu schaffen gemacht. Als wir uns in der Gruppe über unsere Erfahrungen austauschten, schauten die Mädels ganz verwundert, als ich ihnen Bericht erstattete.

Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür nicht. Eine Yogini aus der Ausbildungsgruppe hat jedoch eine Vermutung aufgestellt, die noch lange in mir nachhallte. Vielleicht kannst du gerade nicht geben, nicht loslassen." Sie sagte das eher mit einem Augenzwinkern, aber für mich klang das absolut plausibel. Die Verbindung von Körper, Geist und Seele - das ist Yoga. Möglicherweise hat mir gerade die physische Nicht-Reaktion auf diese Kriya etwas sehr wesentliches über meine emotionale Verfassung verraten. Mittlerweile bin ich davon beinahe überzeugt.